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Konzeption

5. Suchtverständnis

5.1 Individuelle Faktoren
5.1.1 Das triebpsychologische Konzept
5.1.2 Das Ich-psychologische Konzept
5.1.3 Das selbstpsychologische Konzept
5.1.4 Das objektpsychologische Konzept
5.2 Soziale Faktoren
5.2.1 Gesellschaftliche Faktoren

Es gibt verschiedene Ansichten über die Genese einer Suchtmittelabhängigkeit. Wird von einer Seite die Suchtpersönlichkeit in den Vordergrund gestellt (BATTEGAY 1982), legen andere Autoren das Hauptaugenmerk auf das soziale Milieu und die Verfügbarkeit der Suchtmittel (SCHEERER und VOGT 1989) oder meinen gar, einen Wesenszug unserer Konsumgesellschaft ausmachen zu können (AMENDT 1996).
Diese unterschiedlichen Meinungen über die Ursachen einer Suchtmittelabhängigkeit machen deutlich, daß es die eindeutige kausale Bedingung für die Suchtmittelabhängigkeit nicht gibt und dass nur ein multifaktorieller Ansatz der Genese gerecht werden kann.

Es spielen dabei Persönlichkeitsfaktoren, die Eigenwirkung der Substanzen, soziale und soziokulturelle Faktoren, aber auch hereditäre Momente eine Rolle (TÄSCHNER 1983).

Erschwerend kommt hinzu, daß eine enge Verflechtung von psychologischen und gesellschaftlich-strukturellen Gegebenheiten besteht.

Daraus ergibt sich, daß eine Therapie grundsätzlich an jedem der Ursachenfaktoren ansetzen kann. Allerdings sind dem direkten Einwirken auf den Gebrauch der Substanz einerseits und auf das soziale Umfeld andererseits notwendigerweise Grenzen gesetzt. Es bleibt daher als Haupteinwirkungsmöglichkeit neben der Arbeit mit Angehörigen und sonstigen Bezugspersonen die Therapie mit dem betroffenen Individuum.
Wir betonen im Folgenden bewusst die Darstellung der Persönlichkeitsfaktoren und folgen bei unseren Überlegungen einer psychodynamischen Sichtweise. Es versteht sich von selbst, daß sowohl psychische wie physische Faktoren miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen. Ursachenwirkung und die Begleiterscheinungen der Suchtmittelabhängigkeit sind dabei nicht immer deutlich voneinander zu trennen.

Der erste Teil der Darstellung der Psychodynamik beschäftigt sich mit den individuellen Faktoren bzw. den entwicklungspsychologischen Momenten (5.1), der zweite Teil befasst sich mit den sozialen Bedingungen (5.2) und der dritte Teil versucht gesellschaftliche und soziokulturelle Gegebenheiten einzubeziehen (5.3).

5.1  Individuelle Faktoren
Wir beziehen uns für die Erhellung der zu einer Suchtmittelabhängigkeit führenden individuellen Faktoren auf die psychoanalytische Sichtweise. Die psychoanalytische Theorie hat mehrere Erklärungsmodelle der Suchtmittelabhängigkeit.

5.1.1  Das triebpsychologische Konzept
Das triebpsychologische Modell postuliert, daß der abhängige Mensch einer ständigen Genußsucht unterliegt. Eine noch heute populäre Annahme, die aber aus wissenschaftlicher Sicht nur in seltenen Fällen Bedeutung hat.

5.1.2  Das Ich-psychologische Konzept
Die wesentliche Neuerung gegenüber dem triebpsychologischen Modell besteht darin, daß die Suchtmittelabhängigkeit nicht mehr Ausdruck eines Konflikts (zwischen Triebregung oder Triebimpuls und Anforderungen der Umwelt), sondern Ausdruck eines Defekts in der Struktur der Persönlichkeit ist. Die Substanzabhängigkeit dient aus dieser Sicht dazu, die vorhandenen Schwächen einer Persönlichkeitsstruktur zu kompensieren bzw. die Substanzabhängigkeit ist ein von vornherein zum Scheitern verurteilter Selbstheilungsversuch.

HEIGL-EVERS (1977) fasst dies folgendermaßen zusammen: „Drogenabhängigkeit stellt die Manifestation einer Ich-Funktion dar, einen Adaptionsmechanismus, vielleicht den einzigen Regulierungsmechanismus für Probleme des Lebens, den die betreffende Person zur Zeit verfügbar hat. Es ist ein Selbsthilfeversuch, ein Versuch, innerseelisches Ungleichgewicht, innerseelischen Konflikt oder innerseelische Erregung auszuhalten, damit umzugehen oder zu meistern.“

Für die Therapie hat dieser Ansatz weitreichende Konsequenzen. Wenn die Einnahme des Suchtmittels einen Selbstheilungsversuch darstellt und vorhandene Defizite kompensieren soll, muß die Funktion des Suchtmittels für das Individuum beachtet und respektiert werden. Ein plötzliches Wegfallen des Suchtmittels kann psychisch desintegrierende Folgen haben. Dies muß auf therapeutischer Seite berücksichtigt werden.

Es sind vor allem drei Bereiche, welche für das Andauern einer Suchtmittelabhängigkeit ausschlaggebend sind (KRYSTAL und RASKIN; zitiert nach ROST 1992):

(1) Das Ich und die Affekte können nicht genügend differenziert und bewältigt werden. Das Suchtmittel dient der Entlastung und schützt vor  überflutenden Gefühlen.

(2) Objekt- und Selbstrepräsentanten bilden das gemeinsame Ich. Dies beinhaltet die u.a. unbewussten Vorstellungen, Erinnerungen und Phantasien, bei Suchtkranken oft die Vorstellung, nicht genügend Unterstützung durch die ersten Liebesobjekte erhalten zu haben. Dadurch kommt es zur Errichtung eines schwachen, instabilen und oft negativ gefärbten oder kompensatorisch mit Omnipotenzphantasien besetzten Selbst. Statt zu einer Internalisierung kommt es zu einer Spaltung in „gute“ und „böse“ Teile der Objektrepräsentanzen. Diese Spaltung, welche sich in Gefühlen von Haß und Liebe äußert und dazu führt, daß es nicht zu einer Fusion der Objektrepräsentanzen kommt, lässt das Individuum in einer ständigen Angst vor Objektverlust verharren. Diese Situation ist mit heftiger Ambivalenz verbunden. Die so belastete Beziehung ist durch narzißtische und orale Wünsche gekennzeichnet. Gleichzeitig ist das Objekt durch Aggression, welche durch „orale Vereinnahmung“ entsteht, bedroht. Dies ist jedoch mit so starken Schuldgefühlen belastet, daß diese verleugnet und externalisiert werden müssen. So werden/bleiben Selbst- und Objektrepräsentanzen getrennt und können nicht mehr vereinigt werden. Durch den Prozeß der Externalisierung werden aber auch die guten Anteile der Objektrepräsentanzen nach außen verlegt und das Individuum verliert dadurch einen wichtigen Teil lebensnotwendiger Fähigkeiten. Damit ist das Dilemma des Abhängigen perfekt, es gelingt ihm nicht, die ersehnte Fusion auf Grund der Enttäuschung durch das Objekt herzustellen. Gleichzeitig ist er jedoch permanent auf die Präsenz des realen Objektes angewiesen, da die Trennung alte Traumata heraufbeschwört und als Verlust des Objektes erlebt wird. Hier bietet sich das Suchtmittel als ideales Ersatzobjekt an. Es lässt sich inkorporieren, erscheint kontrollierbar, ermöglicht, wenn auch zeitlich begrenzt, die gewünschte symbiotische Verschmelzung und nimmt die Angst vor dem Verlust des Liebesobjekts.

(3)  Bewusstseinsveränderung, d.h. durch das Suchtmittel können unangenehme und schmerzhaft erlebte Gefühle vermindert werden und werden somit erträglich. Diagnostisch ist es wichtig, in diesem Punkt quantitative und qualitative Unterschiede zu berücksichtigen.

5.1.3  Das selbstpsychologische Konzept
Sieht die Ich-Psychologie das strukturelle Defizit in der Affektkontrolle und bei der mangelhaften Integration der Selbst- und Objektrepräsentanzen, so betrachtet die Selbstpsychologie die Sucht als einen Versuch, „das zerbrochene und abhanden gekommene Grössenselbst wieder aufzurichten und zwar in einer Art und Weise, die Unabhängigkeit vom versagenden Selbstobjekt gewährleistet“ (PASSETT 1981).
Die Selbstpsychologie betrachtet die Suchtmittelabhängigkeit als einen Versuch der Selbstheilung, betont jedoch, das Suchtmittel vermittele das Gefühl, akzeptiert zu sein, Selbstvertrauen zu haben und daß es ermögliche, Grandiositätsphantasien Raum zu geben (ROST 1992).

5.1.4  Das objektpsychologische Konzept
Mit „Objektbeziehungstheorie“ werden die neueren psychoanalytischen Theorieansätze bezeichnet, welche die Entwicklung psychischer Strukturen (u.a. Selbst- und Objektrepräsentanzen, Konstellationen von Repräsentanzen in den psychischen Systemen, Ich- und Über-Ich) als Folge und als Ergebnis von Internalisierungsprozessen verstehen (KERNBERG 1991). Den „Objekten“ der Außenwelt, beispielsweise relevanten Bezugspersonen der frühen Kindheit, entsprechen die Objektrepräsentanzen in der inneren Welt (KERNBERG 1988). Die erfahrene und gelebte Beziehung zu den Objekten wirkt auch auf die Entwicklung der Selbstrepräsentanzen ein. Analog dem realen Beziehungsschicksal bilden die Selbstrepräsentanzen mit den entsprechenden Objektrepräsentanzen die eigentlichen Objekt-Beziehungsrepräsentanzen (also Repräsentanzen von Selbst- und Objektkonstellationen).

Als wesentlicher Kontrapunkt zu den bisher dargestellten Konzepten, insbesondere der Selbstheilungsthese, betont die objektpsychologische Sichtweise die Selbstzerstörung des Suchtmittelabhängigen. Damit treten auch wieder die Konflikte des Suchtmittelabhängigen in den Blickpunkt der Aufmerksamkeit (KERNBERG 1991).
Der destruktive Haß ist die eigentliche Triebkraft der Sucht (GLOVER 1933; zitiert nach ROST 1992). Das Suchtmittel wird als eine Substanz (Partialobjekt) mit sadistischen Eigenschaften erlebt und als ein ambivalent geliebtes, aber im Kern destruktives mütterliches Objekt gesehen. Je nach Ausprägung der sadistischen bzw. libidinösen Strebungen wird das Suchtmittel ausgewählt, bei besonders intensiven Strebungen werden z.B. Hartdrogen konsumiert. Durch die Einnahme des Suchtmittels kann der Süchtige die introjizierten bösen Objekte, welche neben den guten Objekten getrennt stehen blieben, strafen oder „töten“. Aber er kann dadurch aber auch sich selbst und seinen Körper „töten“ und so seine Triebspannung beseitigen. Auf der anderen Seite kann der Süchtige sein „gutes Selbst“ und die „guten Objekte“ auf die Außenwelt projizieren, sie dort isolieren und sie so vor seinem Haß und der Zerstörung schützen. Diese zweiseitige Wirkung erklärt auch den intensiven Zwang, immer wieder zum Suchtmittel zu greifen.

In der Objektbeziehungstheorie werden der Droge mütterliche Eigenschaften zugeschrieben. Das Suchtmittel ist quasi Ersatz für das erste Liebesobjekt. In der Beziehung zu diesem Objekt zeigt sich die Ambivalenz der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Hassliebe, Trennungsangst und Trennungswunsch, Sehnsucht nach und Angst vor Verschmelzung lassen einen Kreislauf von Versagen, Verzweiflung, Wut und Schuldgefühlen entstehen, der das Verlangen nach erneuter Zufuhr des Suchtmittels in Gang hält.

5.2   Soziale Faktoren
Auch soziale Faktoren sind für die Entwicklung einer Suchtmittelabhängigkeit bedeutsam. Zu Beginn einer Suchtkarriere stehen oft Motive wie Neugierde, Abenteuerlust, Übermut, Gruppendruck, Verführung durch die soziale Umgebung oder Peer-group etc. Hinzu kommen Momente wie Schulstreß, Arbeitslosigkeit, Erleben von Sinn- und Orientierungslosigkeit, Einsamkeit etc.

Äußere Faktoren wie Scheidung der Eltern, Traumatisierung, Sucht in der Ursprungsfamilie etc. haben einen wichtigen Einfluß auf das psychische Wachstum und können eine spätere Suchtmittelabhängigkeit mitbedingen.

5.2.1  Gesellschaftliche Faktoren
Die Verbreitung von Sucht ist auch von den jeweiligen sozialen Normen und Regeln der Gesellschaft abhängig.
Suchtmittelabhängigkeit tritt dann gehäuft auf , wenn Suchtmittel verfügbar sind, soziale Normen und Konventionen bezüglich ihres Konsums nicht anerkannt werden und es zu Rollenüberforderung und zur Trennung von sozialen Rollen kommt. Gefördert wird süchtiges Verhalten auch durch kulturelle Vorstellungen und Ideale, beispielsweise dem Ideal des sich immer wohlfühlenden, glücklichen Menschen, dem Unlustgefühle fremd sind. Auch andere Aspekte wie „immerwährende Adoleszenz“, immer höhere Scheidungsraten, Patchwork-Familien, Entwurzelung bei Ausländern etc. sind belastende Faktoren.

Für suchtkranke Menschen ist Arbeit ein bedeutsamer Faktor, abstinent leben zu können. Auch aus diesem Grund kommt der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit eine hohe Bedeutung zu.


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